Ein Anwendungsfall (englisch use case) bündelt alle möglichen Szenarien, die eintreten können, wenn ein Akteur versucht, mithilfe des betrachteten Systems ein bestimmtes fachliches Ziel (englisch business goal) zu erreichen. Er beschreibt, was inhaltlich bei dem Versuch der Zielerreichung passieren kann und abstrahiert von konkreten technischen Lösungen. Das Ergebnis des Anwendungsfalls kann ein Erfolg oder Fehlschlag/Abbruch sein.
Allgemeines
Anwendungsfälle werden typischerweise so benannt, wie die Ziele aus Sicht der Akteure heißen: Mitglied anmelden, Geld abheben, Auto zurückgeben.
Die Granularität von Anwendungsfällen kann stark variieren. Ein Anwendungsfall beschreibt auf hohem Niveau grob und abstrakt, was passiert. Die Technik des Anwendungsfallschreibens kann jedoch bis auf die Ebene von IT-Prozessen verfeinert werden, um das Verhalten einer Anwendung detailliert wiederzugeben. Dies widerspricht zwar der ursprünglichen Intention von Use Cases, kann aber in manchen Fällen zweckmäßig sein.
Anwendungsfall und Geschäftsprozess werden oft ungenau voneinander abgegrenzt. Der Bezug zur Systemtheorie zeigt jedoch, dass Anwendungsfälle und Geschäftsprozesse jeweils eine andere Sicht auf das zu modellierende System darstellen:
- Anwendungsfälle beschreiben, was die Umwelt vom System erwartet.
- Ein Geschäftsprozess beschreibt eine Folge von Einzeltätigkeiten, die schrittweise ausgeführt werden, um ein geschäftliches oder betriebliches Ziel zu erreichen.
Diese Abgrenzung gilt unabhängig von der Art des zu modellierenden Systems für Unternehmen und Software gleichermaßen. Sie ist nicht mit der Unterscheidung zwischen White-Box- und Black-Box-Modellierung gleichzusetzen.
Die Begriffe Geschäftsanwendungsfall (englisch business use case) und Systemanwendungsfall (englisch system use case) hingegen beschreiben den inhaltlichen Umfang des betrachteten Systems:
- Bei einem Systemanwendungsfall ist der inhaltliche Umfang durch das zu entwickelnde System gesetzt.
- Bei einem Geschäftsanwendungsfall ist der inhaltliche Umfang durch eine organisatorische Einheit gesetzt, beispielsweise eine Firma oder Abteilung.
Üblicherweise werden Geschäftsanwendungsfälle dafür genutzt, die Systemanwendungsfälle in einen gemeinsamen Kontext einzubetten und weitere Anforderungen aufzudecken.
Anwendungsfälle wurden bereits vor Etablierung der UML eingesetzt. Zusammenhängende Anwendungsfälle können in einem Anwendungsfalldiagramm dargestellt werden. Häufig wird mit diesem auch ein Systemkontextdiagramm erstellt.
Aufbau eines Anwendungsfalls
Der inhaltliche Aufbau eines Anwendungsfalls erfolgt meist mittels einer zu definierenden Vorlage. Diese wird abhängig vom Kontext der späteren Benutzung des Anwendungsfalls ausgearbeitet. Oft werden für die verschiedenen Analysephasen unterschiedlich stark formalisierte Vorlagen verwendet. Die Bandbreite reicht von der rein prosaischen Kurzbeschreibung bis zu einem vollständigen, ausgearbeiteten Anwendungsfall.
Exemplarisch soll hier eine Schablone nach Cockburn vorgestellt werden:
Methodische Hinweise
Ein Anwendungsfall beschreibt die Interaktionen zwischen Nutzer und System, die notwendig sind, um ein fachliches Ziel des Nutzers zu verwirklichen. Dabei dürfen die beschriebenen Abläufe nicht zu komplex werden. Als Anhaltspunkt kann der von Alistair Cockburn beschriebene Kaffeepausen-Test dienen: Der Anwendungsfall ist zu komplex, wenn „der Nutzer während der Interaktionen eine Kaffeepause einlegen“ würde.
Abgrenzung zur User Story
In der agilen Softwareentwicklung, ursprünglich speziell im Extreme Programming (XP), werden Use Cases aufgrund der organisatorischen Besonderheiten in einer noch knapperen Form verfasst. Aufgrund dieser kürzeren Darstellungsform tragen sie nicht die Bezeichnung Use Case, sondern werden als User Story bezeichnet. Eine User Story in XP ähnelt eher der Kurzbeschreibung eines klassischen Use Cases.[2]
Use Case 2.0
Im Dezember 2011 veröffentlichten Ivar Jacobson, Ian Spence und Kurt Bittner das Konzept Use Case 2.0.[3] Es beschreibt eine skalierbare, agile Technik zur Entwicklung von Anforderungen, mit denen die inkrementelle Systementwicklung gesteuert werden kann. Die Prinzipien des neuen Konzeptes sind:
- Beschreibe Dinge einfach – mit Geschichten („stories“),
- Verstehe das „Big Picture“,
- Stelle den Nutzen in den Mittelpunkt,
- Baue das System scheibchenweise („in slices“),
- Liefere das System in Inkrementen,
- Passe dich den Bedürfnissen des Teams an.
Die Problemlösung für agile Projektplanung mit Use Cases liefert die Technik des „Slicings“ – dem Aufschneiden eines Use Cases in kleinere Einheiten, die dann innerhalb eines Sprints realisiert werden können.
Weiterführende Themen
- Mit der Robustheitsanalyse können spezielle Eigenschaften der Use Cases untersucht werden.
Literatur
- Kurt Bittner, Ian Spence: Use Case Modeling. Addison-Wesley Pearson Education, Boston 2003, ISBN 0-201-70913-9.
- Alistair Cockburn: Use Cases effektiv erstellen. MITP, Bonn 2003, ISBN 3-8266-1344-9.
- Ivar Jacobson u. a.: Object-Oriented Software Engineering. Addison-Wesley, Wokingham UK 1993, ISBN 0-201-54435-0.
- Christoph Kecher: UML 2.0, Das umfassende Handbuch. Galileo Computing, 2006, ISBN 3-89842-738-2.
- Daryl Kulak, Eamonn Guiney: Use cases: requirements in context. 2. Auflage. ACM Press, New York 2004, ISBN 0-201-65767-8.
- Robert Morys: Metrikbasierte Qualitätsmodellierung von Use-Case-basierten Anforderungsspezifikationen. (PDF; 1,5 MB) Diplomarbeit RWTH Aachen; abgerufen im Oktober 2012.
- Doug Rosenberg: Use Case Driven Object Modeling with UML – Theory and Practice. Apress U.S.A, 2007, ISBN 978-1-59059-774-3.
- Chris Rupp und die SOPHISTen: Requirements-Engineering und Management – Professionelle Iterative Anforderungs-Analyse für die Praxis. 6. Auflage. Hanser, München 2014, ISBN 978-3-446-43893-4.
- Hartmut Umbach, Pierre Metz: Use Cases vs. Geschäftsprozesse. In: Informatik-Spektrum, 2006, 29, Nr. 6, S. 424–432; doi:10.1007/s00287-006-0106-8.
Weblinks
- Use Case Diagramme. Wikibooks.
- Einführungs-Guide zu Use Case 2.0. (PDF) ivarjacobson.com (englisch).
- Use Case 2.0: Agile Projektplanung mit Use Case Slices. heise.de
Einzelnachweise
- ↑ Ivar Jacobson u. a.: Actors. In: Object-Oriented Software Engineering. Addison-Wesley, Wokingham UK 1993, ISBN 0-201-54435-0, S. 157–159.
- ↑ Cockburn: Use Cases effektiv erstellen. mitp, Bonn 2003, S. 231.
- ↑ Use-Case 2.0 – The Guide to Succeeding with Use Cases. (E-Book) In: ivarjacobson.com. 21. Juli 2014, abgerufen am 6. Juli 2023 (englisch).